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So geht Innovation im Coaching

In meinem letzten Blogpost habe ich darüber berichtet Warum Coaching dringend Innovation braucht. Erfreulicherweise war die Resonanz groß und durchwegs zustimmend. Mehrfach wurde die Frage aufgeworfen, wie denn das konkret geht, im Coaching innovativer zu sein. Deswegen folgt nun der Folgepost dazu. Welche Möglichkeiten gibt es für einen Coach, es anders zu machen und sich vom Einheitsbrei abzuheben?

6 Wege zu mehr Innovation im Coaching

1. Alternative Formate
„Es darf auch Spaß machen!“

Das klassische Coaching läuft so ab, dass man sich in regelmäßigen Abständen mit dem Coach für ein Einzelgespräch in einem abgeschlossenen sterilen Raum trifft. Ja, klar, das ist ein gut funktionierendes und etabliertes Konzept, aber nur leider spricht es viele Menschen erst gar nicht an. Für manche ist es nichts, weil es sich wie der Gang als kranker Mensch zum Psychotherapeuten anfühlt. Für viele andere ist es undenkbar, weil sie es sich schlichtweg nicht leisten können.

Statt darauf zu beharren, dass Coaching so ablaufen muss, warum nicht neue Formate anbieten? Warum den Fokus nicht stärker auf den Spaß und die Experience legen? Warum nicht die verrauchte Bar mit einem Bier in der Hand? Warum nicht als Retreat in der Strandhütte? Warum nur 1:1 und nicht 1:19 oder 2:2? Warum nicht die Perspektivenvielfalt einer Gruppe nutzen, um gleichzeitig den Preis für den Einzelnen zu senken?

2. Attraktive Preismodelle
„Wir sind hier doch nicht etwa in der Herbertstraße!?“

Die übliche Verrechnung der Coaching-Leistung erfolgt auf Stundenbasis. Das macht vielleicht Sinn für größere Firmenkunden, da sie es von Beratungsdienstleistungen schon immer so gewohnt sind. Für alle anderen ist es suboptimal. Sie zahlen für die Zeit, aber eigentlich wünschen sie sich eine Lösung. Der Aufwand des Coaches ist dem Klienten scheißegal. Ihm geht es darum, was er davon hat. Hinzu kommt, dass Coaching wenig greifbar ist. Dementsprechend ist unklar, ob und was einem eine Stunde genau bringt. Ebenso, wie viele Stunden es insgesamt benötigt.

Statt eine Zeiteinheit zu verkaufen, warum keine kundenfreundlichere Preismodelle? Warum nicht ganz einfach eine Lösung verkaufen? Warum z.B. nicht Pay-what-you-want, um Coaching zugänglicher zu machen? Warum keine Coaching-Flat? Wie wäre es mit einem Abo-Modell?

3. Digital Denken
„Es geht mehr als Terminbestätigung per Email!“

Coaches haben für ihr Marketing die digitalen Kanäle vielleicht bereits entdeckt, aber beim Coaching selber ist die Mehrheit noch komplett analog. So ist beispielsweise nur schon das Coaching per Skype bei vielen noch verpönt. Das paradoxe ist, dass die Hauptaufgabe von Coaches das Eröffnen von neuen Perspektiven ist. Wenn es aber um ihr eigenes Coaching geht, haben sie Scheuklappen auf. Es ist an der Zeit sich dafür zu öffnen, was das digitale Zeitalter für neue Möglichkeiten eröffnet. Dabei denke ich insbesondere an die Möglichkeit, jeden zu jeder Zeit und sehr kontextspezifisch anzusprechen. Wow! Wie unfassbar spannend für das Coaching! Und es kann doch einfach nicht sein, dass es für jeden Dreck eine App gibt, aber bisher noch keine brauchbare zum Thema Coaching!?

Warum also nicht all die spannenden digitalen Tools im Coaching ausprobieren? Warum z.B. den Klienten nicht auch per Whatsapp begleiten? Warum kein shared Folder in der Cloud, um mit dem Klienten relevante Impulse, Material oder gar die eigenen Notizen zu teilen? Warum nicht ein Startup für eine Coaching App gründen?

4. Methodenfreiheit
„Ja, Coaching darf das!“

Und wenn ich beim Thema Digitalisierung eben die Verschlossenheit der Coaches angesprochen habe, dann muss ich hierzu gleich noch kurz etwas weiter ausholen. Als Coach ist man ständig mit Diskussionen und Beiträgen konfrontiert, was ein Coach darf und was nicht. Zum Beispiel mit der Frage, ob man als Coach auch Ratschläge geben darf. Natürlich darf man das! Coaching ist kein Dogma. Oder was denkt ihr? Sind die heutigen Coaching Ansätze dadurch entstanden, dass die, die sie eingeführt haben, sich darum gekümmert haben, was andere als einzige Wahrheit gepredigt haben?

Statt sich darum zu kümmern, was Coaching darf und nicht darf, warum sich nicht darum kümmern, was den Klienten weiterhilft? Warum sich nicht überlegen, welche anderen Methoden man auch noch mitbringt und einsetzen kann? Worauf man Lust hat, was zu einem passt und wie man sich vom Einheitsbrei abheben kann?

5. Fachfremde Weiterbildung
„Nicht noch eine weitere Coaching-Ausbildung!“

Schaut man sich die Vita einiger Coaches, ist es echt erstaunlich, wie viele verschiedene Coaching-Ausbildungen sie absolviert haben. Von der systemischen Ausbildung, zu NLP, zu Wingwave und wie sie alle heißen. Als müsste man jemandem beweisen, der bestausgebildetste „echte“ Coach zu sein. Wenn ich solche Ansammlungen sehe, frage ich mich immer, ob das nicht auch anders geht.

Statt eine weitere Coaching-Ausbildung, warum nicht eine fachfremde Ausbildung absolvieren? Warum sich nicht eine ungewöhnlichere Methodik aneignen, die die den Coaching-Ansatz spannend ergänzt und sich zu einer neuartigen Kombination verknüpfen lässt?

6. Lebendige und direkte Kommunikation
„Deine Methodenkompetenz interessiert niemanden!“

In meinem letzten Blogbeitrag (Link) hatte ich bereits darauf hingewiesen, dass sich das Branding und die Webseiten der Coaches kaum voneinander unterscheiden – optisch seriös und clean, in der Sprache sehr sachlich, verständnisvoll und immer mit einer latenten Schwermut. Dabei fokussiert sich der kommunizierte Inhalt häufig auf die Vermittlung der Methodenkompetenz. Es geht also mehr um den Coach, als um den Klienten. Klar, bei all den Ausbildungen fällt es auch schwer, nicht mit all seinen Kenntnissen punkten zu dürfen. Diese Beobachtungen gelten auch für das Marketing von Coaches insgesamt. Es fehlt also an allen Ecken und Enden an lebendiger und lustvoller Kommunikation, die die potentiellen Klienten positiv emotional abholen.

Warum eine komplizierte Methode erklären um Kompetenz zu vermitteln, statt den möglichen Klienten in seiner Sprache anzusprechen? Warum nicht auf die positiven Bedürfnisse des Klienten fokussieren, um bei ihm die Lust am Coaching zu wecken? Warum nicht eine Domain und ein Branding, das das Ziel der Zielgruppe aufgreift? Warum nicht knallige Farben und Bilder wie das angestrebte Ziel, statt matt und öde wie der problematische Status Quo? Warum keine Kraft, Energie und Dringlichkeit in der Sprache?

Beispiele von innovativem Coaching

Das war die Theorie. Welche positiven Beispiele gibt es denn schon in der Praxis? Ehrlich gesagt kenne ich gar nicht so viele, deswegen braucht es ja auch dringend Innovation. Aber es reicht, um ein paar zu nennen, die ich persönlich ansprechend finde.

Work Life Romance

Aus meiner Sicht wird da vieles richtig gemacht. Lustmachende Formate und Kommunikation. Und am wichtigsten: alles ist entstanden aus der Idee, Design Thinking – einer Coaching-fremden Methodik – mit Coaching zu verknüpfen. Der schöne Nebeneffekt ist, dass man aus einer neu entwickelten Methodik auch einen Lehrgang für andere Coaches machen kann.
www.workliferomance.de

Freikopfler

Was ist es? Ist es überhaupt Coaching? Ist es Beratung? They don’t f…. care. Mit 3 Coaches der alleinige Fokus auf externe Perspektiven und Impulse im 30-minütigen Speed-Format. Unkonventionell und erfrischend.
www.freikopfler.de

Mindfuck

Die Marke ist wohl allen bekannt und der Erfolg gibt ihr recht. Für mich ist es ein tolles Beispiel dafür, wie man im Coaching mit dem einfachen Mittel eines fesselnden Titels die Masse ansprechen kann.
www.mindfuck-coaching.com

Hammer! Coaching

Es wäre zu billig, so zu denken und nicht selber diesen Weg zu gehen. Ja, Eigenlob stinkt, aber ich bin nun mal auch richtig begeistert von unserem Coaching-Konzept. 🙂 Hammer! Coaching ist Co-Coaching (2 Coaches) im kurzweiligen 3 Stunden-Format nach dem Pay-what-you-want Modell. So Energiegeladen wie der Auftritt und die Kommunikation, so das Coaching! BAM!
www.hammer.works

Nun bin ich gespannt, von weiteren innovativen Ansätzen und Coaching Angeboten zu hören, die ich noch nicht kenne. Was fällt euch dazu ein? Welche Beispiele kennt ihr?

Dieser Beitrag hat 14 Kommentare

  1. Nils Schnell

    Hallo Olivier,
    dankeschön für deinen Blogartikel!
    Ich kann Dir zustimmen, zu festgefahren sind die Ansätze, die Vorgehensweisen, das Bild. Es scheint zu funktionieren, ist jedoch meiner Meinung nach veraltet.
    Widersprechen muss ich bzgl. der Altersgruppe. IN meiner Erfahrung sind vor allem ältere Coaches, die, so der Klassiker, nach 20 Jahren Berufsleben plötzlich Coach sind. Da sehe ich wenig innovatives und bewegendes. Gerade junge Coaches versuchen zu brechen, so meine Beobachtung.
    Deinen Aufruf frecher, lustiger usw. zu sein finde ich super! Weiter so!
    Nils

    1. Olivier Schneller

      Danke für Deinen Kommentar, Nils. Kennst du gute Beispiele von jüngeren Coaches, die es anders machen?

      1. Gabriele Kottlorz

        Ich. Coache per Skype und lasse meine Coachees auf Pferde los, schleppe sie in den Wald oder auf See. Viel sabbeln und lachen. Und natürlich gehen wir auch mal ein Bier trinken. Guckst Du mal.

  2. Ralf Tiemann

    Interessanter Artikel!
    Ich bin sehr dankbar dafür, dass er mein Vorgehen der letzten Jahre bestätigt (Unternehmensname zeigt schon, dass es anders geht 😉 ; zahle was es Dir wert ist – am Ende, wenn das Coaching für den Coachée beendet ist; Coachings entspannt in Cafés oder beim Spaziergang am Rhein; Skypecoachings; Persönliche WhatsApp-Impulse mit vielen meiner passenden Bildkärtchen u.a. sowie ähnliches über meine Facebookpage allgemein; interaktive Vorträge mit Gruppencoachingcharakter und viel Spass…).

    Das einzige Coaching, welches ich mal in einem sterilen Raum durchgeführt habe, war ein Coaching eines Coaches in seinem Raum… 😀

    Das Bezahlprinzip erfordert schon von dem der es anbietet Mut und Vertrauen. Jedoch ist es für mich sogar Teil des Coachingprozesses, denn am Ende des Coachings selbst einzuschätzen, was das Ergebnis wert ist hat meiner Meinung nach viel mit Selbstwert zu tun…

    Übrigens coache ich des öfteren andere Coaches
    – solltest auch Du Lust auf eine neue Sichtweise haben, so google doch mal
    „einfach federleicht“ 😉
    (oder klick hier auf meinen Namen..:-) )

  3. Katrin Röntgen

    Danke für diesen inspirierenden Beitrag!! Ja, es geht auch anders, jenseits von langweilig-steril mit viel Menschlichkeit! Für mich ein absolutes Positiv-Beispiel: Astrid Hochbahn http://www.berufswegberatung.de, Coaching für GründerInnen in gemütlichem Dachgeschossambiente zwischen systemisch-therapeutischer Begleitung, Businessplan-Erstellung und kreativen Coachingmethoden!

    Da Sie die neutral-technischen Webauftritte ansprechen: Ich lade Sie gerne auf meine Coaching-Website ein, lassen Sie sich überraschen: Berufliches Coaching mit Raum für Achtsamkeit & kreative Impulse!
    Als „fachfremde“ Ausbildungen kombiniere ich übrigens meine Coachingausbildung mit Theaterpädagogik und einer Achtsamkeitsausbildung.
    Ein Coachingworkshop ist schon im Programm, weitere Formate, z.B. ein Café-Angebot, sind in Planung …

    Ich bin neugierig auf weitere Best-Practice-Beispiele!

  4. Sascha Demarmels

    Vielen Dank für diesen Post. Ich finde diese Ansätze sehr spannend und auch irgendwie beruhigend. Ich glaube, würde man alles „Coaching“ zusammenrechnen, wäre das meiste davon zwischen Tür und Angel und dafür stetig. Meine eigenen grössten Reflexionen wurden oft ganz unerwartet und mit einer pointierten Frage ausgelöst. So versuche ich auch zu coachen, wenn immer möglich.

  5. Petra Weiler

    Sehr anregender Blogbeitrag, danke schön dafür – viele Ideen kann ich nur teilen.
    Ich selbst biete z.B. ein Coaching-Format an, das sportliche Aktivitäten, vornehmlich Wandern und Mountainbiken mit systemischem Coaching verbindet, da ich genau diese sterile Ende des Besprechungszimmers verlassen möchte und gleichzeitig dem Coachee ermöglichen möchte, Erfahrungen aus dem Sport, die er ja meistens völlig unverkrampft und unbeschwert macht, in andere Lebensbereiche zu übertragen. Außerdem hilft der Sport, in eine Balance zu kommen, die den Blick für neue Handlungsoptionen öffnet. Das Ganze heißt bei mir Body&Mind Coaching: https://www.house-of-perspectives.de/deutsch/personal-coaching/body-mind-coaching/
    Ein Retreat-Angebot mit zusätzlichem Seminaranteil gibt es auch, zu finden hier: https://www.house-of-perspectives.de/deutsch/personal-coaching/seminare-retreats/

  6. Claudia Saar

    Yeah – das hat Schwung und ist erfrischend! Klar kommt ja jetzt auch eine neue Generation an Coaches an den Start. Und dass da einige von digitalen Tools noch abgeschreckt sind, kann sein – da schaut man einfach mal näher hin – und stellt fest, dass sich Bedenken wie ‚Viel zu kompliziert‘ oder ‚Kann ich nicht bedienen‘ sich recht schnell in Luft auflösen. Und an DER Stelle stimme ich auch mal in den Eigenlob-Kanon ein und empfehle einen Blick auf das micro e-learning tool mindsetter.com zu werfen, mit dem Trainings zu mehr Nachhaltigkeit verholfen werden kann. Denn – mal Hand aufs Herz: wer liest wirklich noch ausgedruckte Handouts? P.S. Das Format der Freikopfler finde ich klasse!

  7. Danke für diesen Beitrag… er inspiriert. Ich finde die Denkanstöße super.
    Da ich oft im Inhousecoaching Zuhause beim Klienten unterwegs bin, rattert jetzt schon mein Gehirn und ich überlege, was für Tools ich begleitend entwickeln kann.

  8. Ich kann dem nur zustimmen.
    Besondere Formate sind das Salz in der Suppe und die Diversifikation in einem Markt der nun stark vergleichbar gemacht wurde und ist (siehe XING Coaches).

    Ich haette fast mein Zertifikat zum Systemischen Business Coach nicht bekommen, da ich in meiner Abschlussarbeit ein ‚Total Immersion Format‘ beschrieben habe. Start um 10 Uhr bis der Coachee oder ich nicht mehr kann (Ich bin Ultraläufer und habe Ausdauer 🙂 ).
    Meine Kunden / Coachees lieben es, das Format, nur es passt nicht in die eingefahrene Verbandsdenke hinein. Die Abschlussarbeit habe ich nochmal geschrieben, die ‚Schelte‘ ausgehalten, das Zertifikat bekommen und coache nun weiter im TJ Stiel und lasse mich auf meinem Weg nicht beirren. Die Resultate und Ergebnisse geben mir recht.

    1. Olivier Schneller

      Klingt geil! Dieses Total Immersion Format. Wo kann ich mehr dazu lesen?

  9. Peter

    Hi Olivier,
    wie sind den Eure ersten Erfahrungen mit dem „Zahl was Du willst“-Modell?
    Danke & viele Grüße
    Peter

    1. Olivier Schneller

      Moin Peter,
      eigentlich bräuchte es mal einen Blogpost dazu, um das in aller Ausführlichkeit zu beantworten. Denn die Erfahrungen sind vielschichtig. Ganz kurz:
      Es zahlen mit wenigen Ausnahmen alle / die starken Ausreißer nach oben gab es bisher nicht / den Leuten fehlt häufig ein Ankerwert beim Coaching, da die Preise im Coaching sehr intransparent sind / es kann also helfen, ein Richtwert zu nennen / die Erfahrungen sind gut genug, dass wir nicht davon abweichen
      LG Olivier

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