Scheiß auf unsere Debattenkultur, wir brauchen Graswurzelbewegungen!

14. Juni 2018
Olivier Schneller

Photo by „My Life Through A Lens“ on Unsplash

Gierig nach progressiven Change bin ich häufiger auf Zukunftskonferenzen anzufinden. Je länger, je mehr überkommt mich an diesen ein Gedanke durch ein sich immer wiederholendes gleiches Bild: Visionär denkende Menschen tragen ihre Perspektive auf die Zukunft vor. Alle so: Nicken und Zustimmen, macht Sinn. Dann folgt die Podiumsdiskussion und da passiert das eigentlich interessante und erstaunliche: Im gemeinsamen Dialog gelingt es diesen meist hochintellektuellen Menschen nicht, aufeinander einzugehen. Es gelingt ihnen nicht, ihre unterschiedlichen, aber nicht zwingend widersprechenden Perspektiven auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. “Ja, aber …” oder der Moderator stellt eine perspektivenerweiternde Frage, aber die Experten finden ungeachtet der Frage einen Weg, nur wieder die vorgefertigten Gedanken loszuwerden.

Mit Denken über die Zukunft stoßen wir an unsere Grenzen

Mir kommt es so vor, als stoßen die Denker unserer Zeit zunehmend an ihre Grenzen. Sie haben sich eine Konstruktion der Zukunft ausgedacht, das war in sich schon hochkomplex. Und jetzt einen neuen Aspekt zuzulassen würde dieses Kartenhaus zum einstürzen bringen. Zu schön konstruiert ist die Argumentation. Der andere Aspekt mag auch stimmen, aber es wird keine Möglichkeit erkannt, wie das eigene Bild mit diesem zusätzlichen Aspekt erweitert werden kann. Der Komplexitätsgrad ist schlichtweg zu hoch, um ihn als Mensch zu durchdenken. Ihre Gedankenkonstrukte zur Zukunft sind wie Tanker, den man kaum mehr in eine andere Richtung lenken kann. Festgefahren ohne Aussicht auf flexibles aufeinander eingehen.

Das ist keinesfalls als Kritik an diese Leute gedacht. Ich ertappe mich genauso dabei. Ich habe meine Argumentationsketten zur Zukunft fertig konstruiert. Wenn ich was höre, dass ich noch nicht bedacht habe, denke ich yeah, aber ich vergesse es möglichst schnell wieder, damit mein schönes Bild, dass ich so sorgfältig gebaut habe, nicht kaputt geht. Schließlich habe ich mich auch zu stark in mein Konstrukt verliebt, und dieses Konstrukt ist ja auch mein Branding. Die Leute verknüpfen mich mit dieser Meinung. Also tschüss und weiter so.

Und jetzt kommt das eigentliche Problem an der Sache. An diesen Zukunftskonferenzen fällt auch mehrfach die Aussage, dass wir den Wandel nicht geschehen lassen, sondern aktiv gestalten sollten. Wir müssen uns als Gesellschaft die Frage stellen, wie wir in Zukunft leben wollen und dann dahingehend steuern. Ok, macht Sinn, aber lass uns das mal durchdenken: Wir als Gesellschaft sollen uns über unsere Zukunft in all ihrer Komplexität und mit all ihren Unsicherheiten auseinandersetzen und uns dabei einig werden. Ich frage mich, wie das gelingen soll, wenn es nicht mal den Zukunftsexperten gelingt, eine gemeinsam Ebene zu schaffen. Unvorstellbar.

Unsere Debattenkultur bringt uns nicht mehr weiter

Und sollte es mit unserer schön gepflegten politischen Debattenkultur vielleicht doch irgendwann mal gelingen, ein gemeinsames Verständnis zu schaffen, wird die dann ausgehandelte Antwort auf die Zukunft ganz bestimmt schon veraltet sein. Die Realität ist in der Zwischenzeit schon fleissig weiter gerast. Ich denke, dass die Welt heutzutage zu schnell und komplex geworden, als das wir sie durchdenken können. Unser gewohntes Muster, eine gesellschaftliche Debatte zu führen und einen Konsens zu schaffen, um dann alle zusammen vorwärts zu kommen, funktioniert nicht mehr. Ein Gruß an dieser Stelle an die Politik. Deswegen steckt sie in der Krise und kommt nicht in die Pötte. Klare einfache und in sich logische Antworten auf die Herausforderungen der Zukunft gibt es nicht mehr.

Wir sind heute mit einer Dynamik konfrontiert, in der wir mit Nachdenken alleine nicht mehr nachkommen. Ich denke, dass wir an einem Punkt angelangt sind, wo einzig das Ausprobieren und Machen hilft! Die richtigen Lösungen für die Zukunft können nicht mehrheitsfähig sein, weil unser logisches Denken nicht mehr ausreicht um ein gemeinschaftliches Gefühl zu entwickeln, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit die richtige Lösung ist. Die richtigen Lösungen werden nicht im Reichstag oder in Meetingräumen entwickelt, sondern auf der Straße. Wir müssen uns nach dem Trial and Error Prinzip an die richtigen Lösungen herantasten.

Wir brauchen dringend Graswurzelbewegungen!

Das heisst, die Lösung für uns als Gesellschaft ist es nicht, noch weiter in die Debattenkultur zu investieren. Also weg von zigtausend Konferenzen, um alles totzudiskutieren. Weg von einer Politik die auf mehrheitsfähige Lösungen abzielt. Hin zum Machen und Ausprobieren. Wir brauchen eine Politik, die Innovationslabore aufbaut, um Lösungen auszuprobieren, statt versucht, allwissend die eine finale Lösung zu entscheiden und dann aus dem Unwissen heraus doch stehen bleibt. Wir brauchen keine Konferenzen mit noch mehr bla bla, sondern Formate, die darauf abzielen, konkrete Ideen zu entwickeln und umzusetzen. Und ganz dringend brauchen wir viel mehr Graswurzelbewegungen die ohne Bürokratie neue Ideen umsetzen und nebenbei all den politischen Jugendlichen, die in den verkrusteten Parteien kein zu Hause finden, eines bieten.

Die richtigen Lösunge für die Zukunft finden wir nicht durch diskutieren, sondern durch machen!

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