„Ich bin Anwalt, Blogger und Bäcker, geil ne!?“ – Warum ein Traumberuf nicht reicht

2. Juli 2017
Olivier Schneller

Grafik: Freepik

Auf die Frage, was jemand beruflich macht, erhält man in der Regel eine simple eindeutige Antwort: „Ich bin Online-Redakteurin.“ Im besten Fall stört sich jemand an dieser Eindimensionalität und antwortet sowas wie: „Ich bin aktuell Sales-Manager, will mich aber beruflich umorientieren.“ Solche Antworten bringen zum Ausdruck, dass immer noch die Vorstellung dominiert, dass man sich für einen einzigen Beruf entscheiden muss. Schon als Kind wird man mit der eigentlich lieb gemeinten Frage, was man später einmal werden möchte, darauf getrimmt. Dieses starre Gedankenkonstrukt ist nicht nur für sehr viel Unzufriedenheit in der Arbeitswelt verantwortlich, sondern verspricht auch eine zunehmend trügerische Sicherheit.

Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch!

Führen wir uns dieses starre Konzept einmal bewusst vor Augen: Die Idee ist, dass wir uns in jungen Jahren für einen Beruf entscheiden. Diese Tätigkeit sollen wir dann die nächsten 40 Jahre 40 Stunden pro Woche ausüben. Und natürlich sollen wir dabei auch noch Spaß haben. Das ist völlig absurd! Unter diesen Voraussetzungen ist es nicht überraschend, dass sich so viele irre schwer tun, ihren Traumberuf zu finden. Denn sie sind auf der Suche nach der einen perfekten Beschäftigung, die so toll sein soll, dass sie diese andauernd und für immer machen wollen. Gibt es diese überhaupt?

In Coachings begegne ich häufig Menschen, die heute einen Bürojob ausüben, aber den Wunsch haben, zu kündigen und ein Cafe zu eröffnen oder einer anderen handwerklich-sozialen Tätigkeit nachzugehen. Bitte Nein! Nein! Nein! Und Nein! Spätestens nach ein paar Monaten würde sie dieser romantisierte Traumberuf genauso ankotzen. Vielmehr sind diese Sehnsüchte symbolisch für das Bedürfnis nach mehr Abwechslung im Leben. Wenn ich die ganze Zeit vor dem Computer sitze und kein Bock mehr darauf habe, dann bedeutet das noch nicht, dass ich die Tätigkeit grundsätzlich nicht mag. Vielleicht mache ich einfach nur zu viel davon. Vielleicht brauche ich lediglich einen Ausgleich in einem anderen Umfeld.

Die richtige Balance ist hier das magische Stichwort. Die wenigsten kommen in ihrer freien Zeit auf die Idee, ständig nur das gleiche zu tun. Oder würdet ihr wirklich die ganze Zeit ausschließlich eurer liebstes Hobby ausüben wollen? Warum soll es dann bei der Arbeit anders sein? Wir sollten unser Arbeitsleben so zusammenstellen, dass einerseits alle unsere Bedürfnisse, Fähigkeiten und Interessen zum Zuge kommen. Andererseits sollten wir keine der Tätigkeiten so lange ausüben müssen, dass wir die Lust daran verlieren.

Agilität ist die neue Sicherheit!

Häufig kommt uns unsere stark ausgeprägte Sicherheitsdenke einem solchen zerstreuten Workstyle in die Quere. In einer sich immer schneller wandelnden Welt ist es aber ein Irrglaube, sein Sicherheitsbedürfnis durch Stabilität zu befriedigen. Die Automatisierung wird viele Berufe wegrationalisieren. Die rasante Digitalisierung wird viele heute scheinbar noch stabile Großkonzerne schneller als wir denken in den Untergang treiben. In einer solchen Welt ist eine starke Abhängigkeit in Form eines Vollzeit-Jobs alles andere als sicher.

Vielmehr ist heute die Agilität die neue Sicherheit. Die Fähigkeit, sich schnell an die sich verändernden Gegebenheiten anzupassen und die sich dadurch ergebenden Chancen zu ergreifen. Einerseits ermöglichen mehrere Standbeine, eine kriselnde berufliche Tätigkeit auszugleichen. Andererseits eignet man sich durch die Multiberuflichkeit ein fluides interdisziplinäres Denken an. Man denkt in Möglichkeiten, statt in Grenzen. Durch das interdisziplinäre Verknüpfen entsteht Innovation, statt nur den Konventionen zu folgen. Das sind Denkweisen, die im starren Ideal des Vollzeitberufs kaum gefördert werden. Symbolisch hierfür ist das Konzept einer Berufsausbildung. Die Idee, nach der Ausbildung für seinen einen Beruf fertig „aus-gebildet“ zu sein. Das Konzept einer Ausbildung und die rasante neue Arbeitswelt passen aber überhaupt nicht zusammen.

Insbesondere die digitale Welt mit ihren Unmengen an Möglichkeiten ist kaum mehr wegzudenken, wenn man von individuellere Agilität spricht. Das tolle daran ist, dass sie es ermöglicht, schlanke Geschäftsmodelle ohne großen Invest auszuprobieren und damit innert kürzester Zeit potentiell an Geld zu kommen. Brauche ich eine neue Einnahmequelle dann kann ich z.B. Hotelier über AirBnB spielen. Oder ich werde mal schnell zum führenden Onlinehändler für ein Nischenprodukt über Amazon FBA. Und weitere neue Möglichkeiten werden sich im Wandel ständig ergeben. Sich also eine Affinität zu diesen neuen digitalen Geschäftsmöglichkeiten zu schaffen, schafft ein Gefühl von finanzieller Unabhängigkeit. Ein Gefühl, dass es immer einen Weg gibt. So wird das Sich-digital-Ausprobieren zunehmend zur besten Form der Absicherung.

Spielerisch zum Erfolg!

Aber kann man denn überhaupt erfolgreich sein, wenn man sich nicht auf eine Sache fokussiert? Und wie! Natürlich gilt: Je mehr du dich mit einer Sache beschäftigst, desto besser wirst du darin. Aber das ist nur die viertel Wahrheit. Übst du nur eine Tätigkeit aus, dann leidet nicht nur deine Leidenschaft darunter. Dazu kommt, dass diese eine Tätigkeit die ganze finanzielle Verantwortung für dein Leben trägt. Das ist eine enorme Last. Folglich ist Scheitern nicht erlaubt. Du gehst kaum Risiken ein und agierst konventionell. Du scheust radikale Innovation und hebst dich von der Masse nicht ab.

Auch als Arbeitnehmer entfaltest du durch die starke Abhängigkeit nicht dein ganzes Potential. Du leistest mehr Dienst nach Vorschrift, statt dich für deine Meinungen und Ideen einzusetzen. Leider haben das die meisten Unternehmen noch nicht verstanden. Denn es gilt häufig immer noch Regel, dass eine Entscheidung für Teilzeit eine Entscheidung gegen die Karriereleiter ist. Man muss sich also als Angestellter die Frage stellen, was einem wichtiger ist, der Karriereaufstieg und das Geld oder die richtige Balance und der Spaß.

Ein Hoch auf den Multiberuf!

Für mich ist die Antwort klar. Lass uns von der öden Ein-Beruf-fürs-Leben Vorstellung lösen. Vergisst die zermürbende Suche nach dem einen Traumberuf. Das Arbeitsleben darf ein Abenteuer sein, wo man vieles ausprobiert, aber auch vieles wieder sein lässt. Insbesondere ist es ok, sich einen Ausgleich zu suchen, indem man mehrere Dinge parallel macht. So darf alles, aber nichts muss. Nicht nur macht es dann viel mehr Spaß und man ist mutiger, sondern man ist auch bestens für die turbulente Zukunft gerüstet. Wir sollten aufhören, uns durch Eindimensionalität absichern zu wollen und endlich damit starten, in Möglichkeiten zu denken und zu handeln.

„Und was machst du beruflich so?“
„Ich bin Anwalt, Blogger und Bäcker, geil ne!?“

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